PRAXIS

fokus Festival

Jugendkultur ohne Grenzen


Geboren aus der Asche einer städtischen »Jugend- und Freizeitmesse« machte sich der Second Attempt e.V. aus Görlitz vor einigen Jahren auf, den abstrakten Begriff Jugendkultur in der Grenzregion Südostsachsens auszumalen und greifbar zu machen. Final gelang dem Fokus Festival jedoch viel mehr. Jugendkultur ist ein Wort, das viele, die sich selbst zur Jugend zählen eher stirnrunzelnd missbilligen. Es klingt nach gequälten Theaterbesuchen der deutschen Klassiker in der achten Klasse. Oder besserwissendem Pennälertum.

Einfach machen

Die unglaubliche Leistung hinter der Idee und dem Aufwand des Fokus Festivals ist die schrittweise Mobilisierung aller noch so verschiedenen Aspekte von Jugendlichkeit im 21. Jahrhundert zu einer gemeinsamen, jährlichen Ausstellung – fernab übrigens von jeglicher Technokratie, sondern im besten Sinne lebendig und aktiv. Einfach machen – der ureigene Antrieb der Festivalmacher – wurde erfolgreich aufs Publikum projiziert und so ergibt sich auf dem ehemaligen Görlitzer Schlachthof am Ende ein mehrtägiges Gewusel bei dem die Grenzen zwischen Anbieter und Konsument gewollt verschwimmen.

Behind the scenes: Ein Blick in die Phase 0 von fokus

Initiator Marcus erinnert sich an die Anfänge des fokus Festivals: »Links der Karnevalsverein, rechts Ponyreiten. Das war Jugendkultur vor Ort? Klar geht es hier um eine schrumpfende Stadt, aber so geschrumpft? Was ist passiert? Das Jugendamt hatte Gelder für die Jugend- und Freizeitmesse ausgeschrieben und prompt war nicht mehr das EPIZENTRUM, sondern die scheinbar günstigere FRITZ an der Reihe. Nun, noch während der Veranstaltung, spürte ich einen Drang, es selbst besser machen zu wollen und einen gefühlten Augenschlag entfernt befand ich mich mit meinen eigenen Vorstandskollegen des Second Attempt e.V. im Kinderzimmer eines Freundes. Die Begriffe »Vorstand« und »Kollege« benutzten wir damals allerdings nicht so oft.

Gesagt, gefragt, entschieden: Wir möchten die Jugend- und Freizeitmesse durchführen. Viel besser und viel, viel größer als es bis dato der Fall war. Und wir werden ein Stück weit die Weltherrschaft an uns reißen, ohne einen einzigen Masterplan zu haben. Und ohne überhaupt zu wissen, ob wir das einfach so machen können. Und – immerhin – mit dem Bewusstsein, dass es das größte und umfangreichste »Ding« ist, was wir je gemacht haben werden.

Die ersten Ämterkontakte

Ich hatte mich damals direkt beim Jugendamt gemeldet, und gefragt wie das alles funktioniert. Das ist so ein bisschen wie beim Arzt sitzen. Zumindest bekam ich einen kleinen Eindruck, was die in der Verwaltung immer so machen. Heraus kam, dass wir ganz schnell einen Antrag einreichen und diesen später vor dem Jugendhilfeausschuss präsentieren sollten. Haben wir alles gemacht. Was wir aber nicht wussten, das Amt hatte intern bereits entschieden, unser Projekt nicht zu fördern. Und dieser Empfehlung folgte der Jugendhilfeausschuss auch. Jetzt denke ich immer wieder, dass man die Projekte doch erst einmal besser entwickeln sollte. Ich meine inhaltlich und mit Partnern. Wir haben ja auch alles ganz allein gemacht. Etwas Support von einem erfahrenen Verein hätte uns sicher gut getan.

Wie ging das alles los?

Wir hatten keinen Plan von dem was auf uns zu kommt. War ja das erste Mal. Wir wussten halt, irgendwie wird das groß. Nun habe ich einen Freund gefragt, ob wir seine WG bekommen können. Ein Zimmer war da frei. Mit Hochbett. Und ich dachte mir nur: Geil, da kann ich unten arbeiten und oben gleich pennen. Großspurig habe ich alle aus dem Team in das Büro eingeladen und wir haben es uns zu viert gemütlich gemacht. Einer hatte den Schreibtisch, eine den Couchtisch, ein Holzbrett auf vier Bierkästen war Tisch Nummer drei und dann hatten wir noch eine Küchenplatte die so halbwegs auch als Schreibtisch verwendet werden konnte – was für ein Büro.

Und die Außenwirkung

»Viel zu kurzfristig« war Aussage Nummer 1. Egal, wo wir anriefen: Jugendvereine, Hochschule, Theater. Alle Einrichtungen, die wir einen Monat vor dem Festival zur Teilnahme am Projekt überzeugen wollten, haben das im zweiten Satz abgelehnt. Macht blos keine Projekte, deren Leben es ist mit anderen Zusammen zu arbeiten, wenn ihr keine Zeit dafür habt. Jetzt check ich das auch. Fragt mich jemand für eine Veranstaltung an, muss ich das ja auch synchronisieren mit meinem sonstigen Zeitplan und meinen Aufgaben. Und jetzt weiß ich schon, das ich nächsten Monat nicht kann. Zum Schluss ne kleine Faustregel: Plane einfach immer doppelt so viel Zeit ein, wie du eigentlich denkst, dass du sie brauchst.«

Die ganze Geschichte gibt es im Buch.

Mehr erfahren, mehr sehen

Auf der Projektwebseite www.fokusfestival.eu gibt es aktuelle News und einen umfassenden Rückblick der letzten 5 Jahre in Wort und Schrift. Außerdem hat das Projekt gerade eine Dokumentation als kostenfreies E-Book hier veröffentlicht.

 

Über das Projekt

fokus ist ein vielschichtiges Netzwerk-Projekt im Süd-Osten der Republik. Zwischen Wroclaw und Bautzen, zwischen Liberec und Cottbus bietet fokus kulturelle Alternativen und die Chance auf aktive Beteiligung, ob Kunst, Sport, Musik oder Politik. Neben verschiedenen Veranstaltungen in den Kultureinrichtungen und soziokulturellen Zentren der Region findet das Projekt seit 2006 seinen Höhepunkt im alljährlichen fokus Festival. Denn immer im September heißt es auf dem Alten Schlachthofgelände in der Europastadt Görlitz-Zgorzelec: gemeinsam Spaß haben, sich Austauschen und Motivieren, Grenzen überschreiten, sich Herausforderungen stellen und voneinander lernen. Von Jugendlichen für Jugendliche!

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